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Jan Köstering

Warum ich auf mein Privatleben soviel Wert lege.

Vor wenigen Wochen wurde ich von der Oberbergischen Volkszeitung (OVZ) in einem Interview zu „Junge Menschen in der Politik“ gefragt, warum ich soviel Wert darauf lege, das in der Zeitung nicht steht, welcher Arbeit ich wo nachgehe und wo ich wohne.

Ich beantwortete diese Frage mit meinem antifaschistischen Engagement und der Sorge, dass Faschist*innen mich, wenn diese die Gelegenheit bekämen, meine Familie oder mein Umfeld bedrohen oder gar angreifen würden. Meine Vorsicht wurde abgetan mit dem Kommentar, dass wenn es jemand wirklich darauf anlegen würde, mich zu finden, es diese*r Person wohl auch gelingen würde. Das ist, so denke ich, wahr. Aber das heißt ja nicht, dass ich es diese*r Person leichter machen muss. Außerdem bin ich auch davon überzeugt, dass je größer der Aufwand ist, mich zu finden, desto weniger Personen es überhaupt nachhaltig versuchen werden.

Also beharrte ich darauf, auch wenn meine Sorge als „übertrieben“ dargestellt wurde.

Das sorgte dafür, dass ich anfing, in meinem Umfeld und meiner Bezugsgruppen die Diskussion zu diesem Thema wieder aufzunehmen. Ist es übertrieben? Wie viele Informationen kann jede*r für sich vertreten preiszugeben? Wie schnell wird aus begründeter Vorsicht Paranoia? Die Fragen habe ich mir nicht zum ersten Mal gestellt – und wahrscheinlich nicht zum letzten Mal.
Ich war jedoch überrascht, dass sich viele in meinem Umfeld diese Fragen noch nie gestellt hatten. Einige, weil sie sowieso zurückgezogen leben, andere, weil sie auf den Schutz des Staates durch etwa Polizei oder Staatsschutz vertrauen. Besorgt nahm ich zur Kenntnis, dass manche Kommunalpolitiker*innen ihre Privatadressen sogar selber veröffentlichen.
Das Vorgehen der Faschisten*innen, ihre politischen Gegner zu bedrohen, anzugreifen und sogar zu töten, sollte jedem*r bekannt sein: Die zahlreichen Beispiele von Angriffen auf Partei- und Abgeordnetenbüros, den unzähligen Hassbeiträgen und Kommentaren die Politiker*innen, Aktivisten*innen und Journalisten*innen täglich ausgesetzt sind. Der Mord an Walter Lübke , die systematische Unterstützung des NSU durch den Verfassungsschutz.

Es ist ein Selbstschutz, dass ich versuche, so viel wie möglich von meinem Privatleben geheim zu halten.

 

Während ich diese Diskussionen in meinem Umfeld führte, erhielt meine Kollegin einen Drohbrief an ihre Privatadresse. In diesem hieß es u.a. "Du wirst nicht mehr lange leben!" und "Wir wissen wo du wohnst und dich bewegst." Unterzeichnet wurde der Brief mit "18 Panther Paul 18". (Sowohl die "18" (Synonym für AH - Adolf Hitler) als auch die Benennung als "Panther Paul" lassen den Brief klar der rechtsextremen Szene zuordnen. Bei "Panther Paul" wird sich offensichtlich auf die Morde des NSU bezogen.)

Ich denke spätestens hier sollte klar sein, dass Privatsphäre sehr wichtig ist.

 

Noch am selben Abend begleitete ich meine Kollegin zur Polizei, um Anzeige gegen unbekannt zu erstatten. Es war das erste Mal, dass sie derartig von Rechten bedroht wurde. Die Polizei vermittelte im Gespräch, dass die erhaltene Drohung gar nicht so offensichtlich dem rechtsextremen (wenn nicht sogar rechtsterroristischem) Milieu zuzuordnen sei und so mussten wir darauf bestehen, dass dieser Umstand eben so zur Anzeige geschrieben wurde. Auch baten wir um Beratung, wie man sich am besten in einer solchen Situation verhalten solle und worauf jetzt besonders zu achten sei. Die Aussagen der Polizei blieben bei einem „Da könne man nicht viel machen“ und sie solle den Notruf in Zukunft ruhig etwas niederschwelliger wählen. Ob sie denn eine Überwachungskamera auf ihrem Grundstück hätte, war eine Nachfrage. Zum Schluss wurde angeboten, die Kolleg*innen vom Opferschutz zu informieren, diese würden sich dann bei ihr umgehend melden; Das taten sie dann auch direkt am nächsten Morgen.

 

Nach dem Besuch bei der Polizei berieten wir, ob wir die Drohung ihr gegenüber veröffentlichen sollten, was wir auch taten.

Es folgte eine große Welle der Solidarität. Viele Parteien, Strukturen, Vereine und Initiativen solidarisierten sich und riefen zur Wachsamkeit auf. Wir wurden von vielen Privatpersonen angeschrieben oder angerufen, die ihre Unterstützung anboten.

 

Es zeigte sich, dass die Öffentlichkeit der Beste Schutz vor solchen Angriffen ist. So zwingt man Polizei und Zivilgesellschaft wachsam zu sein, faschistische Strukturen offenzulegen und letztendlich zu zerschlagen!